(Auszug aus: Sefik Alp Bahadir, "Interdisziplinarität - nur ein modischer Trend der Forschung", FAU Uni Kurier. Sonderheft zum 250. Jubiläum der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Nr. 89, Nov. 1993, S. 50-55.)

In Erlangen hat das Fach Orientalistik zwar eine lange Tradition und hervorragende Leitfiguren wie Friedrich Rückert, der hier von 1826 bis 1841 Orientalische Philologie lehrte. Wenn Erlangen jedoch auf dem Gebiet der interdisziplinär-gegenwartsbezogenen Orientforschung heute den ersten Rang unter deutschen Universitäten beanspruchen darf, so ist es dem Zusammentreffen von mehreren glücklichen Umständen zu verdanken, was im akademischen Leben ebenso entscheidend sein kann wie im Leben eines Individuums.

An erster Stelle sind hier die wissenschaftlichen Interessen der Erlanger Orientforscher zu nennen. Am Anfang der gegenwartsbezogenen Orientforschung in Erlangen stand sicherlich der Orientalist Hans Wehr, der hier von 1943 bis 1957 lehrte und zu den damals noch sehr seltenen Vertretern dieser Disziplin zählte, die auf ihre Gegenwartsbezogenheit hin drängten. Doch erst sein gleich gesinnter Schüler Wolfdietrich Fischer, 1964 nach Erlangen berufen, sollte hier auf den Orient-Geographen Eugen Wirth treffen, der seinerseits "eine noch stärkere Öffnung der Fachorientalistik gegenüber den anderen Wissenschaften zur Zusammenarbeit in gemeinsamer Orientforschung"(1) forderte. Als 1969 ein dritter Orientforscher, der Geograph Wolf-Dieter Hütteroth, nach Erlangen berufen wurde, sollte die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Erlanger Orientforscher bald Formen annehmen, die damals noch Seltenheitswert in der deutschen Universitätslandschaft hatten. In einer im Auftrag der Stiftung Volkswagenwerk durchgeführten Studie von 1971-73 über "Gegenwartsbezogene Orientwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland" heißt es hierzu: "Gemeinsame Lehrveranstaltungen verschiedener Zuträgerwissenschaften werden so gut wie nicht angeboten; eine der wenigen Ausnahmen bildet z.B. das Erlanger Orient-Kolloquium zwischen Geographen, Ethnologen und Orientalisten."(2)

Ohne W. Fischer, W.-D. Hütteroth und E. Wirth wäre die heutige Interdisziplinarität der Erlanger Orientforschung nicht denkbar gewesen. Denn sie haben nicht nur akademische Schüler ausgebildet, die den interdisziplinären Ansatz in der Orientforschung in andere Hochschulen hineintrugen (u.a. Günther Meyer) bzw. heute wieder in Erlangen vertreten (u.a. Horst Kopp). Durch sie hat vor allem die gegenwartsbezogene Orientforschung in Erlangen eine hohe internationale Anerkennung gefunden, und es ist in erster Linie diesem Ruf zu verdanken, wenn 1984 mit Startfinanzierung der Stiftung Volkswagenwerk zwei neue Professuren an der FAU eingerichtet werden konnten, und zwar eine für "Zeitgeschichte und Politik des Vorderen Orients" (anfänglich Alexander Schölch, nach dessen frühem Tod Thomas Philipp) und die andere für "Gegenwartsbezogene Orientforschung" ( Sefik Alp Bahadir), übrigens die erste Professur in der Bundesrepublik mit dieser neuartigen Widmung. Das Fächerspektrum der Erlanger Orientforschung, das neben Orientalistik und Geographie bereits ab 1972 die Rechtswissenschaft (Wolfgang Blomeyer) und ab 1976 die Wirtschaftsgeographie (Wigand Ritter) beinhaltete, konnte damit um Geschichte, Politische Wissenschaft und Wirtschaftswissenschaften erweitert werden.

Neben den wissenschaftlichen Interessen der Erlanger Orientforscher sind hier vor allem die überaus glücklichen administrativ-institutionellen Gegebenheiten an der FAU zu nennen, die für den Ausbau der interdisziplinären Orientforschung förderlich gewesen sind. Als 1975, im Zuge der organisatorischen Neuordnung der Universität, das interdisziplinäre "Zentralinstitut für Regionalforschung" eingerichtet wurde, konnten die Orientforscher darin als Sektion Vorderer Orient eine eigene Forschungsinstitution etablieren, wo sie seither jenseits der fakultativen Grenzen ihren interdisziplinären Forschungsinteressen nachgehen können.

Doch auch die Fakultäten, insbesondere die Philosophischen, haben den Ausbau der interdisziplinären Orientforschung vorzüglich gefördert, wenn es zum Beispiel darum ging, die 1984 neu eingerichteten Professuren mit neuartigen Widmungen in ihre Institute bzw. Lehrprogramme zu integrieren. Die interdisziplinäre Orientforschung in Erlangen erfreute sich nicht zuletzt des steten persönlichen Einsatzes des FAU-Präsidenten Nikolaus Fiebinger, wenn es darum ging, die administrativ institutionellen, aber auch finanziellen Rahmenbedingungen der interdisziplinären Orientforschung zu verbessern. Diese von Rektor Gotthard Jasper gleichermaßen fortgesetzte Förderung einer "unorthodoxen" Forschungsrichtung ist umso höher zu schätzen, als sie keineswegs eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Ein weiterer glücklicher Umstand für die Erlanger Orientforschung ist der 1984 begonnene Ausbau der Fachrichtung Orientalistik an der Nachbaruniversität Bamberg gewesen, wobei die dortigen Lehrstühle für Turkologie und Iranistik eine vorzügliche Ergänzung zum Erlanger Lehrstuhl für Orientalische Philologie mit den Schwerpunkten Arabistik-Semitistik und Islamwissenschaft bildeten. Die seither gemeinsam mit den Bamberger Orientforschern durchgeführten Forschungskolloquien sollten vor allem im orientwissenschaftlichen Graduiertenkolleg in eine ertragreiche interdisziplinäre Forschungszusammenarbeit münden. Die überaus günstigen personellen, institutionellen und administrativen Voraussetzungen an der FAU haben erheblich dazu beigetragen, dass unter den Erlanger - und Bamberger - Orientwissenschaftlern vielfältige Formen der fachlichen wie auch fächerübergreifenden Zusammenarbeit entstanden sind.

Doch beruht die Kooperation in der Lehre und Forschung letztlich auf der Interessiertheit von Individuen und trägt daher stets einen persönlichen Charakter. Institutionalisierte Foren der Kooperation, worin über den bloßen Austausch von fachspezifischen Forschungsergebnissen hinausgehend die Identifizierung von gemeinsamen Forschungsinteressen gefördert wird, sind daher für die fruchtbare interdisziplinäre Zusammenarbeit gerade in einem relativ jungen Fachgebiet von besonderer Bedeutung.

Das zweite Forum der Sektion Vorderer Orient ist der interdisziplinäre "Studienschwerpunkt Moderner Vorderer Orient" (SMVO), der 1987 im Rahmen der Magisterstudiengänge der Philosophischen Fakultäten I und II eingerichtet wurde. Dieses bis heute einzigartige Lehrprogramm in der Bundesrepublik Deutschland umfasst ein interdisziplinäres Studium von Wirtschaft, Politik, Geschichte, Kultur und Geographie der Länder des Nahen und Mittleren Ostens verbunden mit der Ausbildung in einer orientalischen Sprache (Arabisch, Persisch oder Türkisch). Es hat sich bereits nicht nur in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses bewährt, sondern auch darin, dass es den Absolventen des Magisterstudiums auf gezielte Weise Zugang zu neuen Berufsfeldern ermöglicht.

Anmerkungen:

(1) Eugen Wirth, "Orientalistik und Orientforschung. Aufgaben und Probleme aus der Sicht der Nachbarwissenschaften", in: XIX. Deutscher Orientalistentag vom 28. September bis 4. Oktober 1975 in Freiburg im Breisgau, Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Supplement III,1, Wiesbaden 1977, S. LV-LXXXII, zit. S. LXXI.

(2) Rainer Büren, Gegenwartsbezogene Orientwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Gegenstand, Lage und Fördermöglichkeiten, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 1974, S. 19.

(3) Muzaffer Sherif, Carolyn W. Sherif, "Preface", in: Dies. (Hrsg.), Interdisciplinary Relationships in the Social Sciences, Chicago: Aldine Publ. 1969, S. IIX.